Gernot Jennerwein
  ... Dezembergeschichten ... Weihnachtsgeschichten
 

Der Junge, der von den Sternen kam

 

Wenn man in einer klaren Winternacht draußen im scharfen Wind steht und zum Himmel schaut, dann sieht man hinter vielen Sternen und noch mehr Sternen einen ganz besonderen Stern. Er leuchtet ungewöhnlich hell, heller als all die anderen, und betrachtet man ihn eine Zeit lang, dann  könnte man fast glauben, er ist gar nicht allzu weit von  der Erde entfernt. Aber kein Mensch war jemals in seiner Nähe, nicht einmal die Astronauten mit ihren Raketen, weil  sie denken, dort könne ohnehin niemand leben.

Doch das stimmt nicht ganz, denn einmal war ein kleiner Junge auf dem Stern zu Hause. Ein überaus magerer Junge mit blassem Gesicht, müden Augen und immer dunklen Augenringen darunter, die ihm wohl eine etwas kränkliche Natur bescheinigt hätten, wäre da nicht sein Haar gewesen, das wie Sternenstaub im Sonnenwind überaus lebendig schimmerte.

Der Junge war ein Sternenkind, und wie es bei einem Sternenkind üblich ist, lebte er ganz allein auf seinem  Stern. Eigentlich hätte der Knabe ein recht zufriedenes Kind sein können, denn was sein Herz auch begehrte, auf dem Stern, der ein Zauberstern war, gingen all seine Wünsche in Erfüllung. Er brauchte nur die Augen zu schließen, an ein beliebiges Spielzeug zu denken, und schon war es in seinem Besitz. Doch das machte ihn keineswegs glücklich, weil die Zauberei für ihn ganz gewöhnlich war. Er freute sich nicht über diese herrliche Gabe, und nie geschah es, dass sie ihn zum Lachen brachte. Aber wenn er im Schlaf lag und träumte, Träume, die er später in wundervoller Erinnerung behalten würde, formten seine Lippen sich zu einem Lächeln.

Eines Tages, es war im Dezember zur  Weihnachtszeit, fing der Junge an, sich eine Traumwelt nach seinen Wünschen und Vorstellungen zu gestalten. Eine Winterlandschaft war schon geschaffen, über der lieblich einige Schneeflocken trieben. Das gefiel ihm, als seine Nase und Ohren jedoch zu frieren begannen, begrub er das lustige Schneetreiben sogleich wieder unter einer Spielzeuglawine. Lustlos setzte er sich auf sein Schaukelpferd, das ihn wiegte, bis er ganz schläfrig wurde und sich von ihm herunterfallen ließ. Er lag auf dem Rücken, verschränkte die Arme hinter seinem Kopf und blickte zu den Abertausenden Sternen am Himmel. Er fragte sich, ob da draußen wohl noch jemand war, wie er es schon so oft geträumt hatte. Doch darauf fand er keine Antwort, und das machte ihn schrecklich traurig. Als er ein Weilchen so dalag und seine Augen schloss, spürte er auf einmal, wie etwas sanft seinen Bauch berührte. Erschrocken fuhr der Junge hoch, und das rätselhafte Ding rollte von ihm hinab und klimperte zu Boden. Staunend betrachtete er  das hübsch verzierte, an dem einen Ende drei und an dem anderen Ende vier Finger breite Eisenrohr. An beiden Enden war es mit Glas verschlossen. Vorsichtig hob er das Stück auf, drehte und wendete es in den Händen, bis er es wagte, einen Blick hindurchzuwerfen. 

Was er daraufhin zu sehen bekam, raubte ihm für einen Augenblick den Atem. All die Sterne, die sonst so weit entfernt waren, lagen zum Berühren nahe. Und als er an dem kleinen Rädchen drehte, das an dem wundersamen Rohr seitlich hervorsprang, rückten sie näher und näher. Der Junge jauchzte, und während er nach weiteren Himmelskörpern suchte, sprach er liebevolle Worte zu dem Zauberrohr. Hin und her schwenkte er das Instrument, bis er einen kleinen Planeten ausmachte, der recht unscheinbar zwischen den funkelnden Sternen steckte. Er war von wunderschöner blau-weißer Farbe, die den Jungen sehr   entzückte. Unaufhörlich drehte er an dem Rädchen. Städte und Dörfer erblickte er bald, und dann war es ihm gar möglich, in die geschmückten Häuser der Menschen zu sehen: Frauen in Schürzen sah er an Backöfen stehen, Männer, die mit ihren Kindern spielten oder Bäume hübsch verzierten, und als er bemerkte, dass all die Kinder lachten, setzte er sich hin  und begann auf  seinen Lippen zu nagen. Wohin er auch schaute, überall herrschte ausgelassene Fröhlichkeit. Aber in einem Haus, es lag etwas abseits von den anderen und war kaum beleuchtet, entdeckte er zwei Menschen, die ganz betrübt beieinandersaßen. Auf einmal wurde ihm seltsam zumute. Er dachte an sein Leben und daran, wie traurig die Einsamkeit ihn manchmal machte. Als er das Zauberrohr senkte, um den Planeten mit bloßem Auge zu sichten, war dieser verschwunden. Der Junge lehnte sich zurück an einen  großen Spielzeugklotz und war völlig regungslos. Seine Augen schmerzten, fest schloss er sie, und er wünschte sich eine Maschine zum Fliegen. Kaum hatte er seinen Wunsch zu  Ende gedacht, hörte er schon ein Scheppern und Klappern. Ein kleines, rundes Raumschiff, das zitterte und wackelte, stand  da  auf  drei  Beinen. Argwöhnisch musterte der Junge das sonderbare Gefährt, doch dann wurde er mutig. Er steckte das Rohr in den Hosenbund, prüfte dessen Halt und trat schließlich beherzten Schrittes an die Blechkiste heran. Entsetzlich quietschte die Luke, als er sie öffnete. Ein letztes Mal blickte er zurück, dann stieg er ein und setzte sich auf den Pilotensitz. Den Steuerknüppel hielt er in seiner rechten Hand, kräftig drückte er ihn nach vorne. Das  Raumschiff ruckelte und spuckte Feuer aus den Antriebsdüsen. Bald flog der Junge durch den Weltraum, und  das unheimlich schnell. Mit seinem Zauberrohr hielt er zielstrebig nach dem kleinen Planeten Ausschau.

Nach nicht allzu langer Zeit landete er auf der Erde vor dem spärlich beleuchteten Haus. Er klopfte an die  Tür. Als ihm niemand öffnete, trat er geräuschlos ein. In der Stube stand ein Mann, und neben ihm saß, die Hände in den Schoß gelegt, eine Frau. Sie beteten zusammen. Verlegen räusperte der Junge sich. Er fragte scheu, ob es ihm erlaubt sei, einzutreten. Beide nickten, wobei sie verwunderte Blicke tauschten. Der Knabe schaute sich um und fragte nach ihren  Kindern. Die Frau senkte den Kopf und antwortete mit leiser Stimme, dass sie keine Kinder hätten, sich aber nichts sehnlicher wünschten, als welche zu haben, und dann brach sie in Tränen aus, ohne einen Laut von sich zu geben. Als der Junge die Frau weinen sah, spürte er eine nie gekannte Wärme in sich aufsteigen, die er nicht zu deuten wusste. Sie berührte ihn angenehm und schmerzlich zugleich. Er blickte aus dem Fenster und sah den Mond am Himmel stehen. Er dachte an sein Zuhause, an all seine Spielsachen und an die vielen einsamen Stunden, die er auf dem Zauberstern verbracht hatte. Mit Tränen in den Augen erzählte er den beiden von der weiten Reise und von seinem Stern. Der Mann betrachtete den Jungen lange Zeit und bedauerte dann zutiefst, kein Geschenk für ihn zu haben. Der Sternenjunge sagte, dass er kein Geschenk bräuchte, dass er sich aber wünschte, bleiben zu dürfen, vielleicht für immer. Zögerlich reichte er den beiden Menschen seine Hand.

Im nächsten Augenblick schlang die Frau ihre Arme um den Jungen und küsste ihn, und dann küsste sie ihn noch einmal, und der Junge bekam ganz rote Wangen. Tief in seinem Inneren wusste er, das war jetzt sein größtes Geschenk.


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***


Aljoscha,
der kleine Schuhputzer

 

Es war am Weihnachtstag in Sankt Petersburg. Draußen am Horizont ging gerade zinnoberrot die Sonne auf. Vom Stadtrand her hörte man den tiefen Glockenschlag der Kasaner Kathedrale und ein ungewöhnlich lauer Wind wehte durch die Stadt. Auf den Dächern der Häuser schmolz der Schnee, von den Kanten und Traufen tropfte das Wasser herab, das sich im Matsch auf den Pflastersteinen sammelte, überlief und in beachtlichen Rinnsalen abwärtsfloss.
Für die Bürger der Stadt, für die einfachen Leute, für die Tagelöhner, Taugenichtse und armseligen Bettler, und auch für die Adeligen, die in ihren Automobilen angefahren kamen, war dieser Tag ein Tag, der großartig war. Sie hasteten und rannten, sie hetzten und stolperten, sie humpelten und krochen durch die Straßen und Gassen, als wäre der Lohn am Ende Gold und Silber oder gar das eigene Seelenheil.
Bereits zu Hunderten hatten die Schaulustigen sich vor dem Winterpalast des Zaren eingefunden. Mit staunenden Gesichtern verfolgten sie die Künste der Gaukler, die aus dem fernen Moskau gekommen waren, um ihre Taschenspielerei und Akrobatik in die Welt hinaus zu tragen. Niemals zuvor, da gab ein jeder jedem Recht, war in der Stadt solch wundervoller Schabernack getrieben worden. Die Menge klatschte und jubelte, und ohne Unterlass wurden anerkennende Worte lauthals über den Platz gerufen.
Aljoscha, ein kleiner Junge, dessen Schuhe von Lumpen zusammengehalten wurden, und der obendrein recht schlank und schmutzig war und in viel zu großer Kleidung steckte, lief zwischen den lärmenden Leuten umher, wobei er nach Herren suchte, die ihm nobel erschienen. Und fand er einen Mann in feinem Tuch und mit Zylinderhut, warf er sich sogleich vor ihm in die Hocke und begann eifrig damit, ihm die Schuhe mit Bürste und Spucke zu putzen. An manchen Tagen erhielt er dafür eine halbe Kopeke, an manchen sogar eine ganze, aber an diesem einen Tag wurde er nur ein ums andere Mal mit bösen Tritten vertrieben.
So war der Knabe seiner Arbeit bald überdrüssig. Er steckte die Bürste in die Hosentasche und mit ihr all seine Sorgen. Wie ein kleines Vögelchen pfeifend kroch er unter einen der Zirkuskarren. Auf dem Bauch liegend und mit rollenden Augen verfolgte er das Treiben der Schausteller bei ihrem Spiel. Nie in seinem Leben hatte er einen solch herrlichen Zeitvertreib gesehen. Was waren das für Attraktionen, so etwas gab es bestimmt auf der ganzen Welt kein zweites Mal zu sehen. Eine Zigeunerin, sie sah aus wie eine alte Hexe, drehte die Kurbel an einem Leierkasten, daneben auf dem Podest tanzte ein Bär auf seinen Hintertatzen an der langen Leine gehalten. Ein pechschwarzer Mann spuckte sprühendes Feuer aus seinem Mund, hoch und weit, dann fraß er Flamme um Flamme vom Holz, unersättlich, und dass es nur so zischte. Ein hünenhafter Kerl, er trug das Haar zu Zöpfen geflochten wie ein Husar, hielt in beiden Händen Bündel von Schnüren, an denen unzählige Luftballons angebunden waren, die seine Arme hoch nach oben zogen. Der Gaukler brauchte all seine Kraft, um die Luftballons bei sich über seinem Kopf zu behalten. Aber dann sprang er selbst in die Luft, höher als ein Pferd samt Reiter zusammen, und schwebte an den Ballons zappelnd wieder langsam auf die Bühne herab.
Immer aufs Neue, höher und höher flog der Husar in die Lüfte. Das Herz des Jungen schlug ganz schnell. Mit geröteten Wangen saß er da und war glücklich unter seinem Karren. Er klatschte in die Hände, jauchzte überschwängliche Worte, und auf einmal, ehe er sich versah, machte er einen Purzelbaum, ohne dass er es merkte. Aber bald war es mit seiner Unbekümmertheit vorbei. Ein Mann bückte sich und brüllte ihn von der Seite an. Der tobende Mensch erwischte ihn am Ohr und zerrte ihn unter dem Karren hervor.
Vladimir, sein Vormund, hielt ihn am Kragen gepackt. Er war erzürnt über des Jungen Faulenzerei und leere Taschen. Üble Worte sagend, schaffte er den Knaben fort und sperrte ihn wie so oft in das große Fass, in dem das alte Fell eines Schafes lag, damit der magere Knirps nicht erfror. Doch ohne Wasser, ohne Brot und in die allerschlimmste Dunkelheit.
In der Nacht träumte sich der Junge als einen Husaren, der mit seinen Freunden durch die Lande zieht und immer und immer wieder lacht. Er wachte auf und sprang hoch und höher, so wie in seinem Traum, dabei zitterte und wackelte das Fass, als würde die Erde erbeben. Immerfort schlug er mit seinen Handflächen gegen den morschen Deckel, bis er plötzlich brach.
Früh in den Morgenstunden suchte Vladimir nach seinem Mündel, doch vergeblich war seine Mühe. Gleichfalls zur selben Zeit stellte der gaukelnde Husar fest, dass seine Luftballons davongeflogen waren. Er schimpfte ohne Unterlass und gab dem Wind die Schuld, der sie wohl losgerissen haben musste.
Die beiden Männer standen fluchend auf dem Alexanderplatz, ihr Jammern nahm kein Ende. Aber mit einem Male verstummten sie, denn sie glaubten, über sich, von ganz hoch oben kommend, Aljoschas Stimme leise glucksen und lachen zu hören.


 

***


Der Trompetenspieler

 

Es geschah vor nicht langer Zeit in einer bitterkalten Winternacht am Weihnachtstag. Im Kamin war das Feuer bis auf die Glut niedergebrannt und die Menschen lagen zu später Stunde ermüdet, aber zufrieden und mit Wohlbehagen in ihren Federbetten. Der Mond warf sein magisches Licht durch die breite Fensterfront des Herrenhauses und erhellte den prachtvoll geschmückten Weihnachtsbaum. An einem der unteren, vorspringenden Äste des Tannenbaums hing barfuß und mit einem Juteumhang bekleidet ein hölzerner Trompetenspieler. Der Musikant presste die Trompete fest an seinen Mund, während er ehrfürchtig hinauf zu dem silbernen Weihnachtsstern in der Baumkrone sah. Unter dem Stern von Bethlehem schwebte ein wunderschönes Papiermädchen mit Engelsflügeln an einer hauchdünnen Schnur. Der Trompetenspieler glaubte in dieser Nacht, der Günstling des Glücks zu sein, denn noch nie hatte er ein so liebreizendes Wesen gesehen. Als das Papiermädchen seinen starrenden Blick bemerkte, ihn neugierig ansah, wurde er ein bisschen verlegen und seine Wangen röteten sich. Da lächelte das Mädchen und ihm wurde seltsam warm ums Herz. Überwältigt von so viel Anmut schloss er für einen Moment die Augen. Es war das Mädchen, nach dem er sich oftmals in seinen einsamen Träumen gesehnt hatte, so zart und vollendet, und sein Trompeterherz schlug einen kleinen Trommelwirbel. Doch das Mädchen wandte seinen Blick bald wieder ab und sah verträumt zum Mond, der durch das große Fenster schien. Da nahm er all seinen Mut zusammen und blies in die Trompete. Erst waren es nur einzelne, zaghafte Töne, aber nach einem Weilchen spielte er die schönsten Melodien, die er kannte. Berührt von der Wehmut seiner Klänge drehte sich das wundervolle Wesen bald im Kreis, als tanzte es zu seiner Musik. Der Trompetenspieler war entzückt, und er spielte so hingebungsvoll wie nie zuvor in seinem Leben. So blies er bis in die frühen Morgenstunden unermüdlich in sein Horn. Jeder flüchtige Blick, jedes kleine, auffordernde Lächeln, das ihm das Mädchen schenkte, ließ ihn vor Glück fast bersten.
Und so vergingen die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr. In den Nächten erklang im großen Saal die melancholische Musik des Trompetenspielers. Der hölzerne Musikant sehnte bereits die Zeit in der Weihnachtsschmuckschachtel herbei, welche er bis zum nächsten Heiligen Abend mit dem Papiermädchen verbringen würde. Er nahm sich fest vor, das Mädchen in der Schachtel anzusprechen und vielleicht gestattete es ihm sogar, es an den Händen zu halten.
Im neuen Jahr kam eines Morgens die Dienerschaft und räumte den Weihnachtsbaum ab. Der Weihnachtsschmuck wurde in Kisten gepackt und bei den Fenstern abgestellt. Als der Trompetenspieler über den Kistenrand blickte, stellte er mit Entsetzen fest, dass das Papiermädchen am Baum vergessen worden war. Er schrie aus Leibeskräften, damit die Menschen ihr Versäumnis bemerkten, aber umsonst. So blies er wild und verzweifelt auf seiner Trompete Alarm. Aber die Menschen konnten seine Hilferufe und Fanfaren nicht hören, alle Mühe war vergebens. Er beobachtete durch die Fenster, wie der Tannenbaum mit dem Mädchen in den Garten gebracht wurde. Bald begann ein heftiges Schneetreiben und er musste hilflos mit ansehen, wie das Mädchen unter den weißen Flocken verschwand. Da wurde seine Schachtel verschlossen. Nun lag er in völliger Dunkelheit. Als er spürte, wie jemand die Stiege zum Dachboden hinauf schlurfte, erfasste ihn ein ohnmächtiger Schmerz.
Finster und einsam war das folgende Jahr für den Trompetenspieler. In der Schachtel klagte er der Dunkelheit sein Leid. Tag und Nacht träumte er von seinem Papiermädchen, und manchmal überfiel ihn eine schlimme Angst, wenn er daran dachte, dass er es vielleicht nie mehr wiedersehen könnte. Flehentlich wünschte er das nächste Weihnachtsfest herbei, das ihn aus der Gefangenschaft befreien würde.
Das Jahr verging und endlich brach der Weihnachtsmorgen an. Freudig schwatzend schmückte die Dienerschaft den Tannenbaum, und auch der Trompetenspieler hing bald wieder an seinem Platz. Doch vergeblich suchte er nach dem Mädchen seines Herzens. Traurig blickte er hinaus in den Garten. Dort lag kein Schnee mehr und der Baum aus dem letzten Jahr war auch verschwunden. Die Erinnerung an das vergangene Weihnachtsfest wurde in ihm lebendig. Was war mit seinem Mädchen geschehen? Stumm blickte er in die Welt vor dem Weihnachtsbaum. Zum ersten Mal in seinem Leben spürte er, was es bedeutet, hoffnungslos allein zu sein.
Als er aber später in der Nacht den Mond aufgehen sah und ihn lange Zeit verloren betrachtete, da war ihm auf einmal, als lächle das Papiermädchen im Mondschein zu ihm herunter. Nie zuvor hatte er sich dem Mädchen so nahe gefühlt, und mit Tränen in den Augen begann er, leise auf seiner Trompete zu spielen.



 



***



Michael 154


 
In der Dunkelheit am frühen Weihnachtsabend konnte man das kleine Haus schon aus weiter Ferne erkennen. Gedämpfter Lichtschein drang aus einem Fenster und ließ es aussehen wie eine Laterne im Schnee. Das Häuschen stand ein wenig schief , das Holz trug schwer am Schnee auf dem Dach und von Zeit zu Zeit krachte es im Gebälk.
Eine alte Frau wohnte in dem Haus. Sie war recht mager und manchmal zitterten ihre Glieder. Sie saß bei Tisch, die Hände hatte sie in den Schoß gelegt und sie betrachtete ihren winzigen Weihnachtsbaum, an dem drei Kerzen brannten. Aus dem Radio auf der Kommode klang Musik, ein Chor sang von der schönen Weihnachtszeit. Die Frau dachte daran, wie es früher einmal gewesen war. Sie dachte an ihren Mann Albert, an ihre beste Freundin Anna, und an ihren Sohn, den Toni, der in jungen Jahren verstorben war. Sie dachte an all die Menschen, die ihr im Leben nahegestanden und schon längst von ihr gegangen waren. Nur die Erinnerungen waren ihr geblieben. Sie senkte den Kopf, ihre schmächtigen Schultern begannen zu zucken, und dann fing sie an zu weinen. Es war kein lautes Weinen, keinen Ton gab sie von sich, sie machte nie einen Lärm, ihr Wesen war still und ruhig. Oft fragte sie sich, weshalb das Schicksal ihr die Last der Einsamkeit auferlegt hatte, und dann wurde sie ganz traurig.
Ein Klopfen an der Tür holte die Frau aus ihren Gedanken. Erschrocken wischte sie mit beiden Händen die Tränen aus dem Gesicht. Sie erhob sich, ging zaghaften Schrittes an die Tür und öffnete diese.
Ein Junge stand ihr gegenüber. Unscheinbar von Statur, mit blond gelocktem Haar und strahlend schönen Augen in einem zarten Gesicht.
"Du bist Ida", sagte er.
"Ja, ich bin Ida", überrascht sah sie den Jungen an, "und wer bist du?"
"Ich bin Michael", erwiderte der Junge.
"Michael?"
"Ja, Michael 154", lächelte er.
"154? Was bedeuten die Zahlen? Das ist doch kein Name."
"Doch, das ist mein Name. Michael 154, weil ich als der 154. Engel mit dem Namen Michael das Licht des Himmels in diesem Jahr erblickte", antwortete der Junge vergnügt.
Ida staunte. "Was kann ich für dich tun, Michael?, fragte sie ernst und sah den Jungen fest an.
"Sie haben gesagt, ich soll dich abholen."
"Wer hat das gesagt?"
"Nun, Albert, Anna, Toni und all die anderen."
Ida wurde blass. "Wie soll das gehen?"
"Es ist ganz einfach", sagte Michael, "gib mir deine Hand und schließe deine Augen."
Ida wusste nicht so recht, was hier geschah, aber sie tat, wie ihr geheißen.
Wärmend spürte sie die Hand des Jungen nach der ihren fassen, und auf einmal, da fühlte sie sich ganz leicht. Nach kurzer Zeit hörte sie Michael sagen: "Mach sie wieder auf, deine Augen, mach sie wieder auf." Ida gehorchte seinen Worten. Geblendet blinzelte sie in eine Welt, die aus gleißenden Lichtern und funkelnden Sternen zu bestehen schien. Ida sah sich um und glaubte zu träumen. Sie befand sich in einem festlich geschmückten Saal, der voll von Menschen an reichlich gedeckten Tischen war. Ein Weihnachtsbaum stand in der Mitte, eine mächtige Tanne, mit saftig grünen Nadeln an Ästen und Zweigen, an denen Hunderte Christbaumkugeln schwebten, die den Lichtschein der Kronleuchter tausendfach zurückwarfen, Kerzen, die in allen Regenbogenfarben schimmerten und lieblich brannten, und darunter waren spielende Kinder, die lachten. Und da! Da standen ihr geliebter Albert, die Anna, der Toni und ringsum sah sie lauter Gesichter, die sie kannte.
Michael ließ ihre Hand los. "Nun geh schon, sie warten auf dich."
Und Ida ging zu den Menschen, die sie liebte.
Sie fiel ihnen glücklich in die Arme, fand jedoch keine Worte, so sehr war sie von ihren Gefühlen übermannt, doch bald erzählte sie, wie es ihr in den letzten Jahren ergangen war und alle wollte sie daraufhin berühren, ihr eine kleine Zärtlichkeit schenken. Später saßen sie an der üppigen Tafel zusammen, naschten von all den Köstlichkeiten, tranken süßen Wein und ihr Gesang war so hell und melodisch, wie sie selbst es noch nie gehört hatten.
Ida erlebte das schönste Weihnachtsfest. Sie weinte Tränen der Freude.
Gegen Mitternacht kehrte sie zu Michael zurück, der dem Fest etwas abseits beigewohnt hatte. Ida versuchte die Traurigkeit in ihrer Stimme zu unterdrücken, was ihr aber nicht so recht gelang, als sie sagte: "Michael, ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll. Du hast heute Abend meinem Herzen das größte Glück geschenkt und mich meine Lieben sehen lassen. Aber nun ist es spät und du wirst mich wohl wieder zurück nach Hause bringen müssen."
Michael schaute sie mit seinen gütigen Augen an. "Nein, Ida. Dein Zuhause ist jetzt hier bei uns. Ich habe dich auf der Erde abgeholt, weil dort deine Zeit abgelaufen war. Du bist jetzt im Himmel und wirst es auch bleiben."

Es war nach Mitternacht, als in dem kleinen, schiefen Haus auf der Erde die drei Kerzen am Weihnachtsbaum für immer erloschen.


***


Schneefall


Es war am Weihnachtstag, ein kalter Abend. Ich verbrachte meine Zeit in einer Gastschänke, bis sie gegen zweiundzwanzig Uhr geschlossen wurde. Ich war zufrieden mit meinem Leben, auch wenn es sich häufig einsam gestaltete. Ich fühlte mich als Einzelgänger wohl. Nur zu Weihnachten überkam mich manchmal ein wenig die Melancholie, aber nach ein paar Gläsern Bier war ich eigentlich immer recht vergnügt. Ich habe mich schon damals in meinen jungen Jahren nicht besonders viel mit anderen Menschen abgegeben. Den Gründen dafür bin ich bis heute nicht nachgegangen. Vielleicht fürchtete ich etwas um meine Freiheit.
Ich wünschte dem Wirt noch frohe Weihnachten und trat auf die Straße hinaus. Es schneite bereits seit Stunden. Ich schaute in eine richtige Winterlandschaft. Die Straßenlaternen leuchteten schwach und die Schneeflocken fielen dick und gemächlich durch das weiche Licht. Als ich so dahin ging, wurde mir nach einer Weile eigenartig zumute. Ich dachte an meine Kindheit zurück und spürte, dass ich mich ein bisschen nach einer Hand sehnte. Ich schüttelte widerwillig den Schnee von meinem Kopf und ging etwas schneller weiter.
Ich war steif und kalt, als ich nach einiger Zeit an der Mauer des Friedhofs vorbei kam. Der Weg durch den Friedhof bedeutete eine Abkürzung zu meiner Wohnung. Ich war nie ängstlich, also bog ich ab und trat durch das geöffnete Tor.
Eine berührende Stille lag über dem Friedhof. Auf den Gräbern brannten Kerzen, überall leuchtete es ein wenig, beinahe feierlich kam es mir vor. Selbst meine Schritte waren im frisch gefallenen Schnee nicht zu hören.
Ich befand mich alleine auf dem Friedhof, jedoch sah ich nach einigen Schritten eine Gestalt an einem Grab stehen; einen älteren Herrn erkannte ich beim Näherkommen. Er musste schon längere Zeit so da stehen. Auf seinem etwas armseligen Mantel lag bereits eine Menge Schnee. Sein Hut war beinahe nicht mehr zu erkennen.
Bis heute weiß ich nicht, weshalb mich dieser alte Mann neugierig gemacht hatte, jedenfalls tat ich so, als besuchte ich das Grab direkt gegenüber von ihm. Eine Zeit lang blieb ich so da und betrachtete ihn unauffällig. Er war noch älter als es erst den Anschein auf mich gemacht hatte. Etwas gebückt und bewegungslos stand er da. Seine Hände lagen wie zum Gebet gefaltet ineinander. Irgendwie tat er mir leid, aber ich wusste nicht warum.
Ich wollte mich schon abwenden und weitergehen, als er mit seiner ruhigen, etwas rauen Stimme fragte, ob ich Feuer hätte. Etwas überrascht bejahte ich seine Worte und ging zu ihm hinüber. Er holte einen Sternspritzer, eine Wunderkerze, oder wie man die Dinger nennt, aus seiner Manteltasche hervor und hielt sie mir mit zitternden Fingern entgegen. Ich nahm meine Streichhölzer aus der Hosentasche, riss eines an und hielt die Flamme an seine Wunderkerze.
Als sie brannte, hob er sie über das Grab und sagte leise: „Wissen Sie, Martha mochte die Wunderkerzen sehr am Weihnachtsabend.“
Wir schwiegen eine Weile und dann bat ich ihn um eine Wunderkerze. Abwechselnd zündeten wir eine nach der anderen an, bis alle aufgebraucht waren. Später nahm er mich mit zu sich nach Hause. Er erzählte mir von Martha und seinem Leben mit ihr und ich hörte ihm zu.


 

***


Stumme Nacht

 
 
Es gibt Augenblicke im Leben, da wartet man auf jemanden, weiß aber nicht, auf wen man wartet und macht es trotzdem. Solche Stunden sind immer langwierig und überaus vergeblich. Wenn niemand kommt, dann kommt eben niemand. Begreift man das nach einer Weile, dann macht man sich auf den Weg.

In diesem elenden Zustand betrete ich meine Stammkneipe. Es ist zu warm in der Stube. Die Beleuchtung ist heruntergedreht. Brennende Kerzen stehen ringsherum und ein krummer Weihnachtsbaum blinkt in der Ecke, wie eine Illusion. Am Stammtisch sitzen ein paar altbekannte, traurige Gestalten. Die Stimmung ist arg und ich bin willkommen.
Nichts, wenn man es überlegt, kann wohltuender sein, als sich in einsamen Momenten unter Gleichgesinnten zu befinden. Man trinkt zusammen, nimmt Anteil und hat sich gerne. Es ist der Klub, der einsamen Seelen, dem man beigetreten ist.
Und doch kann diese Laune nicht darüber hinwegtäuschen, dass es einen tief im Innern friert und so schmachten wir an diesem Abend dahin.
Es wird nur wenig gesprochen und man prostet sich verständnisvoll zu. Die Wirtin; eine Steyrerin, von Beruf aus recht trinkfest, ist doch stark benebelt; ich sehe sie kläglich das Bier ausschenken, wobei sie hin und her schwankt. Sie schaut sentimental drein und schwarze Tränen rutschen über ihre Backen.
Ein alter Bekannter betritt das Lokal und gesellt sich zu unserem Haufen. Er setzt sich neben mich. Wir werden schüchtern, denn er ist der großartigste Kerl der ganzen Stadt. Trotzdem aber entgeht es mir nicht, dass auch er mit einer gewissen Verlegenheit dasitzt. Das erste Bier kippt er beinahe in einem Zug hinunter und dann sagt er vorwurfsvoll:
„Was sind das für Tage, die ihr verbringt?“
Wir werden etwas verlegen. Der hünenhafte Kerl hat leicht lachen. Er ist gut aussehend, hat in allen Zeiten Geld und die Frauen liegen ihm zu Füßen.
„Armselig seid ihr“, sagt er, „seht mich an, ich hab mich vor drei Monaten scheiden lassen und mir geht es hervorragend. Die Kinder sehe ich nur noch jedes zweite Wochenende, die restlichen verbringe ich mit Frauen, mit immer anderen, versteht sich. Das Leben ist herrlich und ihr erstickt hier beinahe vor Selbstmitleid.“
Keiner von uns sagt etwas darauf. Seine Worte treffen uns hart. Zum Trost bestellt er eine Runde Schnaps. Misshandelt, wie ich bin, trinke ich gerne mit. Es ist, als wäre es Medizin, die uns der Peiniger verabreicht.
Nach drei weiteren Runden freuen wir uns laut, nur die Wirtin bleibt still hinter der Theke. Wir sind auf einmal mutig, erzählen uns billige Witze und lachen fortwährend.
Aber der viele Alkohol zeigt bald seine andere Wirkung. Wir sitzen wieder stumm und betreten am Tisch.
Es ist nach zehn Uhr und die Wirtin dreht das Radio an. Ein Chor singt „Stille Nacht“ und ich glaube, im Gedanken singen wir alle mit, so schauen wir in den Raum. Ich sehe in das Gesicht unseres Wohltäters. Sein Blick scheint in die Ferne gerichtet. Er ist bleich geworden. Seine Brust hebt sich unruhig auf und ab. Zwei tiefe Schluchzer kommen aus seiner Kehle. Er steht auf und schleicht sich aus dem Lokal.


***

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