Gernot Jennerwein
  ... Gott und die Welt
 
Der Puppenmann



Immer ist er da und zieht an den Leinen. Einmal sanft, dann wieder fest und stets ist er verborgen. Niemals ist er krank oder scheint zu ermüden. Er lässt die Puppen tanzen, hüpfen, traurig und glücklich sein. Sie zappeln auf und nieder, hin und her, lachen und weinen dabei. Manche behaupten, dass er ein Meister sei, jedoch fehlt es am Vergleich. So zupft er an aller Puppen Stricke, bis sie abgenützt zerreißen. Fällt eine Puppe auf die Bühne, wird sie bald vergessen sein. Fortwährend schafft er neue an, sein Geist ist unerschöpflich, und die Puppen rebellieren nicht.

 



Lauf Pferdchen

 

Der kleine Schimmel trabte übermütig im Kreis.
„Lauf Pferdchen, lauf!“, riefen die Menschen und das Tier galoppierte stolz durch die Manege.
„Wenn du fällst, dann stehst du wieder auf!“
Das Pferdchen bewegte sich mit strahlenden Augen im Kreis der Zirkuswelt. Es war glücklich in der Show und die Menschen bewunderten das Tier und seine Künste.
Die Jahre vergingen und das Pferdchen wurde älter. Eines Tages kam der Schmerz in die Glieder. Es lief und der Schmerz bald unerbittlich hinterher. Das Pferdchen wusste um die Gerechtigkeit in der Welt: Wenn es zu Boden fiel, dann käme bald ein anderes Pferdchen, um seinen Platz einzunehmen.
Aber es konnte seinem Schicksal nicht ewig davonlaufen. Die Beine waren wund und das Pferdchen erschöpft, so blieb es stehen. Es blickte dorthin, wo sonst der Beifall war. Die Menschen klatschten nicht mehr, Pfiffe wurden laut. Sie hatten das, was einmal war, vergessen und das Pferdchen wurde sehr traurig. Seine Beine trugen es nicht mehr, es fiel in der Arena zu Boden.
Der Salami-Mann kam am nächsten Tag mit seinem Lastwagen. Als sie davonfuhren, sah das Pferdchen ein letztes Mal das Zirkuszelt. Es schloss die Augen und hörte die Menschen rufen: „Lauf Pferdchen, lauf …“



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Nur ein wenig widerspenstig

 
Ich hatte von ihm gehört und gelesen, und dann besuchte ich ihn.
Er wohnte in einem schönen Haus und ich fragte ihn, warum er es denn nie verlasse. Ob er denn nicht wisse, dass man ihn draußen brauche? Er sprach, man möge doch zu ihm kommen, wenn man etwas von ihm wolle. Ich sagte, dass viele nicht wüssten, dass es ihn gibt und er hier wohne. Er erwiderte, ich hätte doch zu ihm gefunden, und dass es die anderen mir gleichtun könnten, die Tür sei immer geöffnet. Ich sagte, ich sei nur gekommen, um ihn wegen seiner Verborgenheit zu fragen, mehr wolle ich nicht. Er meinte, dass die Menschen nur ein wenig widerspenstig seien, sich aber eines Tages auf den Weg zu ihm machten. Ich warf eine alte Gürtelschnalle in den Opferstock und sagte, dass nicht alles wertvoll ist, was klimpert und er ein bisschen blind sei und ging betrübt davon.




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Luzy


Er zieht den Stahlcontainer über die Schlachtfelder der Menschheit und kratzt die Seelen aus ihren stinkenden Körpern. Die dunklen wirft er in das rostige Trumm, die hellen schnürt er an die Kette. Es rasselt und ächzt und er zieht von den Klippen in den Himmel. Dorthin, wo der Pfandmann seine Flügel wichst. Er schwingt die Seelenkette und knallt sie dem Meister verächtlich vor’s Paradies. Zehn Streichhölzer für jede helle, so war`s mit dem Chef ausgemacht. Er spuckt ihm noch vor die Füße und fällt mit seinem Trumm in die Tief.

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Flash

 

Wenn du daran denkst, dann ...
Du siehst eine Dokumentation über Pornodarstellerinnen aus dem Osten. Bildhübsche, junge Frauen, alle über achtzehn Jahre, gelogen hat jede Zweite. Was treibt diese Frauen dazu, sich selbst so zu erniedrigen? Ist es das Geld, die Verzweiflung und die Not, oder nur das Flüchten von dort, wo sie herkommen? Es tut dir weh, wenn du diese kindlichen Gesichter siehst, die ohne Augen lächeln, dann wirst du wütend und es ist dir schlecht, du magst die Menschheit in diesen Momenten nicht.
Du tröstest dich mit einem -

flash

…wenn ein Engel vom Himmel fällt
und zu einem hübschen Mädchen wird,
das für den Film die Beine spreizt,
dann weißt du – der Dunkle war im Licht.

 

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Träume nicht von mir

 

Ich schließe meine Augen und falle in die Tiefe, tiefer und immer tiefer. Dann kommt er und will mich haben.
Weiße Pferde stehen auf der Weide.
Das Licht entfernt sich von mir. Aus dem Nebel kommt ein Reiter. An seinem Pferd ist keine Haut, nur Sehnen und rohes Fleisch.
Der Schattenreiter spricht: „Du Knecht des Lichtes, hat dich dein Gott, dem du ohne Unterlass dientest, nicht erretten können vor der Dunkelheit?“
„Mein Gott wird bei mir sein. Er hält das Licht, wenn es finster ist; so verletzt du mich nicht, denn vor ihm bin ich unschuldig. Auch gegen dich habe ich nichts Böses getan - nie, Böses getan.“
Sein Atem fault, von weinenden Kindern spricht der Wind, die Pferde scheuen, jagen davon. Er steigt vom Tier und kommt mir nahe.
„Dein Gott ist im Licht, hier bist nur du.
Und ich.“
Er nimmt mich bei der Hand und zieht mich hinunter. Feucht ist die Erde, hart sein Drängen. Er küsst mich auf den Mund. Es riecht nach Aas und ich spüre die kalte Hand an meinen Genitalien.
Er öffnet meine Brust und seine schwarze Zunge leckt einen Lungenflügel beiseite. Das Atmen fällt mir schwer, die Zunge kratzt an meinen Organen und ich spüre seine Erregtheit, die ihn erzittern lässt.
Dann schlägt mein Herz in seiner Faust. Lüstern sind die Augen. Er beißt ein Stück ab und wirft es weg. Er sieht mich an und ich weiß:
Vorbei ist meine Zeit, meine Zeit im Licht.

 

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Wenn man …

 

Wenn man doch Kapitän auf einem Sternenkreuzer wäre, gleich neugierig und ängstlich durch das Weltall fliegen könnte. Dann sähe man weit draußen Planeten und würde sich hüten, dort zu landen, weil man die Menschen kennt und Angst vor den Blicken der Fremden hätte. 

 

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