Gernot Jennerwein
  ... Liebe
 


Liebesgeschichte




Er war ein großer Mann.
Die Menschen sahen zu ihm auf, nach Feierabend auf der Straße und in der Nacht in den Gastlokalen. Er arbeitete hart für seine Familie. Alle mochten ihn. Nur seine Frau, die weinte hie und da, aber heimlich und ganz leise, wenn sie dachte, die Kinder sehen's nicht oder sie schlafen. Einmal, spät in der Nacht, zersprangen Teller auf dem Boden und ihre Stimmen schrien sich an.
Es war dunkel unter der Decke und der Junge atmete nicht.

In der Schule konnte er von allen am längsten die Luft anhalten.
Er wurde ein Taucher.

Wasser berührte ihn, umschloss ihn in seinem Gesamten.
Niemals dachte er zurück, tauchte immer tiefer hinab.
Am Grund des Meeres angekommen, begegnete ihm eine Meerjungfrau.
Er küsste sie und die Meerjungfrau begann zu weinen.

"Weshalb weinst du, wenn ich dich küsse?"

"Ich sehe das Leid in dir, schick es bitte zurück, hier ist kein Platz dafür."

Er nahm sein ganzes Leid zusammen, umschloss es mit der letzten Luftblase, die ihm noch verblieben war und spuckte das Übel aus seinem Körper.

Sanft strich die Meerjungfrau über seine vergehenden Augen.

Und im Westen sank die Sonne in das Meer hinab.




***

Wolkenlos


Ich lernte eine Frau kennen und hatte sie gerne. Manchmal hielt ich ihre Hand. Sie lehnte sich an mich und erzählte mir von den Enttäuschungen ihres Lebens. Von dem Mann, der ihr versprochen habe, sie zu heiraten, obwohl er eine Frau hatte, aber das wusste sie damals noch nicht. Sie arbeitete in seiner Cateringkette, abwechslungsreich und fast geschenkt. Bis sie von seinem Doppelleben erfuhr, ihn wegschickte und traurig war. Ich tröstete sie und erzählte ihr von meinen Träumen. Von den Booten unter Wasser, den weißen Wolken am Himmel und dem Schraubendröhnen auf See und von den Engeln, die einander erschlugen. Sie mochte meine Träume und sehnte sich nach Liebe. Wir trafen uns häufiger, bis sie nicht mehr kam. Ich schickte ihr einen Brief, dass sie doch zum Arzt gehen möge, sie habe psychische Probleme, und versetzen könne sie einen anderen Mann, oder einen Engel, oder die Zwergenkönige, aber nicht mich. Ich bekam keine Antwort. Tage später suchte ich sie. Als ich sie gefunden hatte, zogen weiße Wolken am Himmel über ihrem Grab.



***


Kaltes Eis


Sie war unruhig im Schlaf, und dann hielt sie meine Hand und fragte mich, wohin ich gehen wolle, mitten in der Nacht, ohne etwas zu sagen. Ich fragte sie, ob sie von den Bären wüsste und von der Kälte und von dem Eis. Sie hielt meine Hand fester und fragte, ob ich von den Eisbären und den Eisbergen spräche und warum ich auf einmal so traurig sei. Ich sah ihr in die Augen und sagte: Nein, dass ich von mir spräche und von ihr und der Welt in mir. Dass die Eisbären frören, dass sie manchmal schreien und weinen möchten. Und ob sie ein Eisbär sein wolle. Sie sagte, sie liebe mich und wolle immer für mich da sein, und sie weine für mich, wenn ich es nicht könne. Ich sagte, dass das Eis in mir sei, dass ich schreien wolle, damit es endlich vorbei sei und dass ich jetzt gehe und nicht mehr zurückkehren wolle. Sie sagte nichts und ich ging. Ich wollte schreien, aber alles war so klar.




***

Das Boot

Es gab eine Zeit, da trieb ich zwischen Eisbergen und war zufrieden. Vielleicht sogar ein bisschen glücklich. Ich hatte mich daran gewöhnt, ein Seemann in der Kälte zu sein, weit weg von den Menschen und ihren Gefühlen, wie ein Astronaut hinter den Sternen.
Ein Seemann wie ich braucht keine Segel oder ein Ruder und schon gar keine Heimat.
Einmal begegnete mir ein Mädchen und die Sonne ging auf. Es hielt meine Hand und sprach von der großen Liebe. Die Eisberge schmolzen, waren verschwunden, als wären sie auf den Grund des Meeres gesunken.
Ein weißer Albatros zog am Himmel seine Kreise und das Mädchen führte mich auf eine Insel. „Die Insel der Hoffnung!“, sagte es und begann mit einem Lichtstrahl der Sonne zu spielen.
Ich betrachtete das Spiel ein Weilchen und bemerkte, wie sich das Mädchen in Luft auflöste. Ich wollte den Traum festhalten, aber das Mädchen, das Licht und die Insel waren verschwunden.
Nichts hatte sich in meinem Leben geändert. Ich suchte den weißen Albatros, aber es wurde dunkel. Eine schwarze Krähe fiel tot vom Himmel und ich ging davon. Bald trieb mein Boot wieder auf dem Meer dahin.


***


 Liebe


Wir kannten uns schon länger und ich hatte sie gerne. Sie war etwas Besonderes. Ein Mensch, von dem ich manchmal träumte, wenn es kalt und finster war. Wir gingen aus und ich küsste sie, erst flüchtig und dann etwas besonnener. Ich wusste nicht, ist sie in mich verliebt, oder ich in sie, oder die Haifische in die Delfine. Wir fragten nicht danach, taten so, als wäre es immer schon so gewesen. Und dann war das Meer über uns, die Schiffe segelten am Himmel und die Pinguine standen in den Kathedralen. Sie lauschte meinen Worten und sagte, ich überrumple sie, und ich wusste nicht, was sie meinte. Ich wurde müde und ging nach Hause. Dann träumte ich und sah die Fische, die ich vergessen hatte, zu töten, als ich ihnen das Wasser nahm, und die Soldaten, die um einen Brunnen standen, Durst hatten und nicht trinken konnten, weil sie leblos und tot waren. Ich wollte zu ihnen schwimmen, aber es war dunkel und ich konnte das Land nicht sehen. Es wuchsen mir Flügel und ich konnte fliegen. Ein Kind schoss mir die Flügel mit einer Blume ab und ich fiel in einen Mailer, trank dort vom schweren Wasser und wurde zu einer Raupe mit zarten Härchen. In einem Hospital an der Fensterscheibe erschlug mich eine Krankenschwester mit einer Zeitung und ich erwachte aus meinen Träumen.
Ich rief sie an und fragte, ob sie mich liebte. Sie sagte, dass sie es nicht wisse und es spät sei, dass wir Morgen darüber sprächen. Ich sagte, dass ich Angst um sie habe und um mich und um die Pinguine und dass die Haifische die Delfine fräßen. Sie meinte, ich sei betrunken und ich sagte, nein, ich habe nichts getrunken. Dann lag ich am Boden. Es tat mir weh und ich wollte nichts mehr sagen, nicht mehr leben, nur mehr träumen und fliegen. Dann kam sie und hielt mich fest. Sie zitterte und fragte mich, ob ich sie denn liebte, und ich sagte, ja, ich liebe dich.

 

***


Laura

 

Ich dachte manchmal an die Luftballons und an die Fähnchen aus meiner Kindheit, die ich nicht halten oder berühren konnte, weil sie zu hoch hingen, oder am Himmel trieben. Ich lernte, dass man nicht alles haben konnte, und ich lernte, mich zu kontrollieren. Aus dem Autoradio klang Lauras „self control“. Ich mochte ihre Stimme, das Lied und die einsame Art. Als sie verstummte, sagte der Radiomann, dass Laura schon lange tot sei. Ich war betroffen. Ich hatte es nicht gewusst oder bemerkt. Und dann wurde mir klar, dass ich es nie bemerkte, wenn jemand starb oder ging. Der Gedanke erschütterte mich. Ich stellte das Auto ab und ging zu Fuß weiter, und es tat mir leid und ich wollte mich nicht mehr kontrollieren. Ich wollte bemerken und fühlen, kein Eismann mehr sein.

 

***


Kalkutta

 

Es war zu einer Zeit, in der ich weder glücklich noch sonst irgendwie von Sinnen, durch die Straßen von Kalkutta schritt. Der Monsunregen brachte es nicht fertig, die gestaute Schwüle aus den dreckigen Gassen der armseligen Metropole wegzuschwemmen. Ich hasste den Dreck dieser Stadt, und ich hasste die Menschen dieser Stadt, und ich hasste mich. Ich war eine Ratte unter Ratten. Ein heruntergekommener Matrose, der seinen Landurlaub mit billigen Huren und gepanschten Reisschnaps hinunter würgte. Der Regen spuckte mir seine fetten Tropfen in die unrasierte Visage und argwöhnisch dachte ich an meinen letzten Malariaanfall, den ich diesem beschissenen Subtropenklima zu verdanken hatte.

Es war durchzogen dunkel. Rötliche Nebelschwaden hingen über den Gassen und ich war nahe daran, mich zu übergeben. Meine Schwindelanfälle wurden mir so alltäglich wie die grinsenden Halbchinesen, die schnatternd unter den Vordächern Gemüse und Hühner verkauften.
Etwas zog energisch an meinem Hosenbein und ich blickte nach unten in das schmutzige Gesicht eines Mädchens mit fast schwarzen Augen. Ich wollte sie wegscheuchen, aber das kleine Ding sah mich mit so traurigen Augen an, dass es mir beinahe die Gedärme zusammenzog. Sie nahm meine Hand und führte mich durch die Gassen. Vielleicht hatten die ständigen Fieberanfälle bereits meinen Verstand geraubt, denn ich stellte keine Fragen. Vor einer üblen Spelunke blieb sie stehen und deutete auf den Eingang. Im matten Licht erkannte ich zwei Männer. Einer von ihnen hatte einen Besen in der Hand und kehrte eine jämmerlich schreiende Katze von sich weg. Die noch sehr junge Katze erhob sich immer wieder und taumelte auf die Männer zurück. Sie war erbärmlich abgemagert und hatte angefaulte Löcher in ihrem Fell. Sie schrie vor Hunger und hatte Sehnsucht nach menschlicher Geborgenheit. Die Krankheit hatte ihren Körper bereits angefressen. Ich sah in das weinerliche Gesicht an meinem Rockzipfel und wusste, was das Mädchen von mir wollte. Ich hatte gehört, dass es den Hindus in ihrem Glauben verboten war, ein krankes Tier zu töten, also war das Schicksal des Kätzchens, elendig zu verrecken. Ich packte das Tier am Genick, ging zu einem Steinhaufen und erschlug es kurzerhand, zuvor kratzte mich das verdammte Vieh aber noch am Bein.
Zwei Frauen beobachteten das Schauspiel, allem Anschein nach Touristinnen, sie folgten dem Geschehen mit weit aufgerissenen Augen, nannten mich noch ein Schwein und machten sich davon.
„Was wisst ihr schon vom Leben?“, verächtlich sah ich ihnen nach.
Ich wandte mich meiner kleinen Freundin zu, die nun in Gesellschaft ihrer größeren Schwester war. Als mein Blick sich mit dem ihrer Schwester traf, da war es bereits um mich geschehen. Die beiden nahmen mich mit zu sich nach Hause und erzählten ihrem Vater von mir und der Katze. Der alte Mann mochte mich. In den nächsten Tagen fuhr ein französisches Containerschiff mit einem Matrosen weniger an Bord aus dem Hafen. Ich wurde in die Familie aufgenommen, so wie es das kleine Kätzchen wohl auch gerne gehabt hätte. Die Leute redeten über mich. Ich war etwas Besonderes in den Augen dieser einfachen Menschen. Denn welcher Narr verzichtete schon auf seinen Seelenfrieden, nur um eine kleine Katze von ihren Qualen zu erlösen. An den Tagen arbeitete ich in der Schmiede meines Wohltäters, und die langen Nächte verbrachte ich mit Rhaisa. Rhaisa war eine wundervolle Frau, sie führte mich auf eine Art in die Kunst der Liebe ein, dass ich schon beinahe anfing, an den Gott zu glauben, den sie anbetete. Ihre jüngere Schwester Smyrna lehnte sich oft an mich, als wäre ich ihr großer Bruder und wir verbrachten eine selten harmonische Zeit zusammen. An einem Morgen küsste mich Rhaisa auf den Mund, dabei lächelte sie glücklich und sie erzählte mir von ihrer Schwangerschaft. Ich nahm sie behutsam in meine Arme und freute mich zum ersten Mal in meinem Leben.
Mein einst so ruhelose Dasein wich einer stillen Zufriedenheit. Aber es war mir nicht bestimmt, das Glück zu halten und verstehen zu lernen. Rhaisa hatte bereits einen kleinen Bauch, welchen ich zärtlich mit meinen groben Händen berührte, als ich den ersten Rückfall erlitt. Meine Malariaanfälle häuften sich wieder, und der Kratzer an meinem Bein, der nie so recht verheilen wollte, entzündete sich. Das Fieber schüttelte mich in den Nächten und ich redete wirres Zeug. Das Bein wurde immer schlimmer. Rhaisa war ratlos und holte Hilfe. Der Arzt meinte nur, wenn ich am Leben bleiben wolle, dann müsse er unterhalb des Knies amputieren. Rhaisa gab nicht auf, sie pflegte mich mit aller Hingabe und bangte um mein Leben. Eines Abends wickelte sie meinen Körper in mehrere Decken und steckte mich in ein Taxi. Smyrna weinte beim Abschied. Die Familie hatte alles Geld zusammengerafft, um das Flugticket in meine Heimat zu bezahlen, in der Hoffnung mein Bein und mein Leben dort vielleicht noch retten zu können ...

 

***