Gernot Jennerwein
  ... Träumereien
 

Geister der Nacht

 

Sie kommen in der Dunkelheit und lassen sich neben dir nieder, du bist alleine mit ihnen. Du schläfst ein und sie berühren dich. Sie wollen nahe bei dir sein, dir Geschichten erzählen. Sie sagen, dass sie tot sind, keine Ruhe finden. Sie sind anschmiegsam und sehnen sich nach der Liebe, die sie nie gespürt haben. Sie flüstern Dinge, die ungut sind, und du hörst ihnen zu. Du träumst von ihren Geschichten und fragst sie nicht, warum es so ist. Sie wollen, dass du ihre Tränen spürst, Tränen, die sie nie geweint haben, was sie unendlich bereuen. Sie fühlen sich kalt an. Sie lächeln nicht und du frierst. Dann schreien sie, und du denkst an deine Kindheit und an die Angst vor der Dunkelheit. Ihre Geschichten sind traurig und ihre Wesen zerbrochen. Sie tun dir Leid und du sagst, dass sie sich an dir festhalten sollen, dass es nicht dunkel und finster ist. Dann gehen sie und du wachst auf, erinnerst dich nicht mehr an sie. Du vergisst sie, bis es wieder Nacht wird und sie kommen, um dir ihre Geschichten zu erzählen, denn es sind deine Geschichten.



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Ein toter Hund

 

Manchmal hast du genug von ihnen und gehst davon. Du siehst ein Schiff und Matrosen, die salutieren. Du denkst, es ist dein Schiff und du bist heimgekehrt. Aber es sind nur Gespenster, die dir zuwinken, dich angrinsen, weil sie sich freuen, dass du mehr tot als lebendig bist. Du siehst ein paar Fetzen Segel am Mast und Leichen an Deck. Den Anker schneidest du ab und wirfst ihn der Menschheit vor die Füße. Deine kleine Schwester betet für dich und daneben hängt der Vater tot am Seil. Immer weiter und nicht zurück, verloren willst du sein.
Die Sehnsucht trägt dich raus und dann bist du dort. Deine Seele riecht nach Aas und der Riemenmann zieht dir rote Striche über die Haut. Ein schwarze Krähe steht am Bug und zählt die Zeit. Geschlachtete Delfine schwimmen im Blut und der Himmel weint. Du bist ein toter Hund am Ruder und treibst vorbei, träumst von warmen Händen, aber deine Sehnsüchte verwesen in der Dunkelheit. Dein Leben war nichts wert und du verbranntest an den Lügen deiner Zeit. Du schmierst deine Träume auf ein Stück Papier und wirfst sie von Bord. Dann fällst du in die Leere und dein Tod berührt sie nicht.

 

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