Gernot Jennerwein
  ... ziemlich schräg
 

Der Künstler


Von verzerrter, geistiger Erbärmlichkeit gequält, schleuderte er in hysterischer Wut die Farbpalette gegen die Wand. Mit ätzendem Speichel spuckte er in das Bild seiner Genialität. Verkrampfte Finger kratzten die Leinwand herunter und knallten das triefende Farbgeschwulst hinterher. Das Hemd von der Brust gerissen, in nackten Splittern einer Furie, schnitt er sich die linke Brustwarze ab, nahm sie in den Mund und fraß sie hinunter. Mit stumpfer Klinge bohrte er in der Wunde und schrie des Wahnsinns: "Verbluten sollst du!“
Er schloss seine Augen, stieg aus dem Fenster und ging hinter den Mond.
„Bist du die Rückseite des Mondes?“
„Ja, das bin ich. Was kann ich für dich tun?“
„Kann ich bei dir bleiben?“
„Weshalb willst du bei mir bleiben? Bei mir ist es kalt und dunkel.“
„Ich will die Menschen nicht mehr sehen.“
„Warum nicht?“
„Weil sie meine Kunst nicht zu schätzen wissen, und mich wie einen Aussätzigen schmähen.“
„Kennst du alle Menschen?“
„Nein, aber von denen, die ich kenne, habe ich endgültig genug.“
„Nicht alle Menschen sind so. Gehe zurück und habe Geduld. Wenn es nicht so ist, wie ich dir sage, dann kannst du wiederkommen und für alle Zeit bei mir bleiben.“
„Gut, vielleicht weißt du es besser.“
„Ich habe immer recht, ich bin die Rückseite des Mondes.“
Der Künstler stieg durch das Fenster zurück und öffnete seine Augen. Langsam ging er die Stufen in den Keller hinunter, nahm ein loses Kabel und erhängte sich an einem Leitungsrohr.

 

***


Der Traum

 

Sie binden mich nackt auf den Stuhl aus Stacheldraht, zurren mich fest an der Bewegungslosigkeit ihrer Sünden. Über mir das Wasserfass mit Loch, bereit für meine Qualen.
Die Tropfen kommen gleichmäßig, fast devot gleichmäßig ruhig, und doch bestimmt. Bestimmt für mich, bestimmt, um mich zu treiben. Dorthin zu treiben, wo mein Denken nicht mehr sein wird, dorthin, wo der Wahnsinn mein Denken nicht mehr duldet.
Sie werden aggressiver, jeder Wassertropfen ein bisschen mehr. Sie heucheln keine Gleichmäßigkeit mehr vor, nur die Abstände bleiben konstant, lassen mich wissen, der Nächste schlägt gleich unerbittlich auf der rasierten, bloßgelegten Haut meines Kopfes ein.
Ich zähle sie nicht mehr, sie werden Bestandteile meiner Sinne. Sie masturbieren in meine Empfindungen, fressen sich in mein Bewusstsein. Nur sie sind da, es gibt für mich nichts anderes mehr, als ihren grausamen Rhythmus.
Der Widerhall des letzten Tropfens wird nicht wie bei den vorhergegangen in meinem Trommelfell absorbiert, er begleitet die Sekunden schwingend, in tickenden Explosionen der Nächstenliebe. Meine Augenlieder flattern. Im ersten Anflug des Wahnsinns presse ich sie zusammen, in der bloßen Hoffnung, dass die Anstrengung mich ihrem Rhythmus entreißen wird.
Umsonst, sie dulden nur sich selbst, lassen nichts anderes in meine Wahrnehmung dringen. Sie ejakulieren in mein Gehirn wie Ordensbrüder in die Scheiden ihre Schwestern. Scheren aus Stahl klammern die Hülle meiner denkenden Kloake. Ich bin das Schlachtvieh im Dienste ihres Gottes.
Meine Kopfhaut platzt, es regnet kleine, blutige Tanzschweine, sie fallen zu Boden, mutieren zu Extremitäten, kriechen an meinen nackten Beinen hoch und fressen meine Haut in Fetzen.
Spitze Rasierklingen fräsen ein Loch in meine Schädeldecke, kratzen zärtlich an meinen Nerven. Ich sehne mich nach den Fingernägeln an der Tafel in der Schule und wünsche mir, ich hätte damals tot an der Nabelschnur meiner Mutter gehangen.
Sie dringen ein. Hysterisches Lachen und mein Gehirn fließt aus Augen und Ohren vorbei.


***